Ich fliege morgen nach Venedig und werde dort herumwandern bis Montag – für den Fall das ihr euch wundert, dass es keine Updates gibt.
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Ich kann es noch immer spüren.
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Redseligkeit um der Redseligkeit willen ist recht überflüssig, aber ich versprach sensationelles also hier ein Ausschnitt aus dem ersten Kapitel meines Buches: (ROHVERSION: Eventuelle Wortwiederholungen oder unschöne Formulierungen sind, obwohl ich sie vermeiden wollte, nicht ausgeschlossen)
*räusper*
[...] trommelten unter dem Regen, der schon seit Tagen auf die Stadt niederprasselte. In dem kleinen Zimmer war bis auf das Bett, das man in der Mitte des Raumes gestellt hatte, alles heraus geschafft, oder hastig in den Ecken gestapelt worden. Die Fenster waren mit äußerster Sorgfalt verschlossen und mit schweren Tücher verhängt, die sich aber mittlerweile ablösten und zu Boden hingen. Ein Kerzenständer, der an die Wand montiert worden war, spendete spärliches Licht. Die Wände waren von Feuchtigkeit durchzogen. Aus irgendeinem Grund war nirgends Schimmel zu sehen oder der Geruch Moders zu riechen doch selbst wenn man die Zeit gehabt hätte, diesen Ort genauer unter die Lupe zu nehmen, so wäre diese Kuriosität, die die Logik der gesamten Szenerie in Frage zu stellen schien, nicht aufgefallen. Hier gab es zu Viel um sich genau damit zu beschäftigen. Alleine der Turm aus gestapelten Büchern, die scheinbar nur gestapelt worden waren um die Untersten vor der Feuchtigkeit zu schützen, hätte wohl einen großen Teil der Aufmerksamkeit auf sich gelenkt.
Es war Nacht, als sie aus ihrem Traum aufschreckte. Sie sah sich schwer atmend um. Für einen Moment ließ sie ihren Blick durch das Zimmer schweifen und bemerkte den Fremden gar nicht. Erst als er sich bewegte wurde sie auf ihn aufmerksam, erblickte ihn aus den Augenwinkel und fuhr erschreckt herum.
Er schwitzte stark und saß mit konzentriertem Gesichtsausdruck auf einem Stuhl, der neben dem Bett das einzige Möbelstück war, das man in dem Raum gelassen hatte. Kurz darauf öffnete er die Augen, stand auf und zog sich einen Mantel an, der schlampig über die Sessellehne geworfen worden war. Mit routinierter Sicherheit verschloss er die zahllosen Schnallen, die statt Knöpfen an das Leder befestigt worden waren und drehte sich Richtung Tür. An einem Fenster klebte ein Zettel, den der Regen dort festgenagelt hatte. Die Botschaft erschien ihr wie ein grotesker Scherz, aber nun sah sie die Zusammenhänge und konnte einen Funken Kausalität erahnen. Sie fühlte sich wie ein Kind, dass gerade verstehen lernt, warum ein Ballon fliegt und mit sich selbst vereinbaren muss, wie die Welt funktioniert. Doch aus irgendeinem Grund, der sich ihr selbst nur schemenhaft aufdrängte war sie diese Mechanismen nicht mehr gewöhnt und beschloss zu warten. Die Matratze knarrte als sie sich zurückfallen lies und füllte den Raum mit der plötzlichen Gewissheit, in der Realität angekommen zu sein.
Als sich die Türe öffnete versuchten sich mehrere Personen in das Zimmer zu drängen, wurden aber von dem Fremden, den sie mit einer Mischung aus Respekt und Abscheu gegenüberstanden, aufgehalten. In seiner Hand ruhte ein langer Gehstock aus schwarzem Holz, der die Unantastbarkeit seiner Person zu unterstreichen schien. Für ihn war es eher eine Stütze, die ihm die Unantastbarkeit seiner Welt garantierte; viel mehr als nur das Statussymbol des, sowieso nicht gerne gesehenen, Standes den er zu repräsentierten versuchte und den er selbst in diesem Zimmer, in der letzten Ecke der Stadt, noch ausstrahlen musste. Ängstlich suchten sich die Blicke der Menschen einen Weg zum Bett doch erst als der kleine klingende Beutel seinen Besitzer wechselte, ließ er sie vorbei. Niemand achtete mehr auf ihn, als er, ohne den Inhalt zu überprüfen, das Säckchen einsteckte und gemächlich das Zimmer verließ.
Es hatte keinen Sinn, das Geld abzuzählen. Wenn man die Angst auf seiner Seite hat, wird man nicht betrogen. Mit der Unantastbarkeit ging eine gute Verhandlungsposition einher, die wohl das einzige war, dass er nicht sofort abgelegt hätte, wenn es ihm möglich gewesen wäre.
Die Konturen der Pflastersteine verschwammen im Regen und nur das Licht der Laternen, dass sie reflektierten, bot noch vage Anhaltspunkte um ihre Form und Größe zu bestimmen. Er zog sich den Mantel etwas fester zu, striff sich die Kapuze über, die schlampig daran festgenäht worden war und ging, ein wenig bergauf, die Straße entlang. Alles was ihm der Wind entgegenwehte, abgesehen vom schneidenden Regen, waren die Flugblätter, auf die mittlerweile niemand mehr achtete. Vereinzelt wehten einige in den Ästen alter Bäume oder verfingen sich in Kanaldeckeln. Der Regen schwemmte irgendwann alles fort.
Die Häuser hier stammten aus einer anderen Zeit; einer Zeit in der man sich Zeit nehmen konnte. Die meisten waren so mittlerweile so sehr von Efeu bedeckt, dass viele der Fenster unbenützbar geworden waren. Die reich verzierten Fassaden, die Wandfresken und floralen Ornamente, die den Stil einer Epoche zu vermitteln suchten waren unter diesen Umständen nutzlos geworden. Sie unterstrichen nur den Anachronismus, den ihre Ära vermitteln wollte. Die wenigen Artefakte, die noch funktionstüchtig waren surrten und drehten sich gemächlich, doch selbst sie gehörten der Vergangenheit an, arbeiteten an obskuren Mechanismen um die sich längst niemand mehr kümmerte. Wenn man irgendwo in der Welt Hoffnung gesucht hätte, man wäre wohl zu ihnen gegangen. Zahnräder an Maschinen aus purem Gold, die im fahlen Schein der Laternen schemenhaft glänzten, sich an ungewissen Orten verwoben und um vergessener Dinge willen stetig weiterarbeiteten.
Die wenigen Wesen, die sich jetzt noch auf die Straßen wagten, mieden den Fremden, der durch die engen Gassen schritt. Er hatte sich die Kapuze abgenommen und ließ sich den Regen in sein Gesicht trommeln, striff mit seiner rechten Hand entlang der Steinmauern, die Linke krampfhaft fest um den Stab geschlossen, fühlte die nassen Kanten und die glatten Blätter des Efeus, die sich unter seiner Hand sanft umbogen. Hin und wieder packte er nach Etwas, das er gestriffen hatte hatte, nur um zu wissen, dass es da war.
Schließlich eröffnete sich vor ihm ein kleiner Platz. Die meisten Pflastersteine waren überwuchert oder fehlten, sodass man das Muster, das den Boden einmal verziert hatte, nicht mehr erkennen konnte. Die Hälfte der schweren Marmorsäule des Springbrunnens, der schon seit langer Zeit kein Wasser mehr sprühte, war eingebrochen und hatte eine schwere Wunde in das Wasserbecken geschlagen. Die meisten Statuen hatten entweder ihre Köpfe oder Hände verloren, oder waren mittlerweile so sehr von den Ranken überwuchert, dass es keinen Unterschied mehr machte. Der Platz war auf drei Seiten von Häusern wie ein Innenhof umschlossen und es hätte wohl länger gedauert, all die kleinen Seitengassen und Zugänge zu entdecken, die die verwitterten Steinwände und das Rankengewirr durchbrachen. Die nördliche Seite mündete in den Abgrund, die Grenze des Plateaus, auf dem dieser Teil der Stadt errichtet worden war. Im künstlichen Tal, das darunter lag, erstreckte sich der Garten der Stadt, der mittlerweile ein Urwald hätte sein können – die Resignation war eindeutig geworden. Wäre die schimmernde Neustadt nicht aus dem Horizont geschossen, hätte man der Illusion der Unberührtheit erliegen können. Alles war von den Bäumen eingefordert worden, jede Struktur, zu welchem Zweck auch immer sie hier errichtet worden war, war Teil eines Ganzen geworden, das in sich selbst plausibel erschien.